Gesunde Autonomie durch Körperpsychotherapie

Seit über 20 Jahren steht in meiner Praxis die Arbeit mit dem Körper im Mittelpunkt. Dabei zeigt sich immer wieder: Der Verstand kann vieles begreifen, doch dieses Verständnis allein verändert nicht zwangsläufig das Fühlen und Verhalten.

Ein Erwachsener kann zum Beispiel wissen, dass er jederzeit „Nein“ sagen darf. Selbst wenn er die Ursachen aus seiner Kindheit, die ihn lange daran gehindert haben, bereits reflektiert und verstanden hat, fällt es ihm oft weiterhin schwer, in bestimmten Situationen ehrlich zu sein und klare Grenzen zu setzen.

Sein inneres „Nein“ wird dann zu einem äußeren „Ja“, einem faulen Kompromiss, einem „Passt schon“ oder einer langen Erklärung – warum, wieso, weshalb. Das kann leicht manipulativ wirken. Als Ausweg vermeidet der Mensch mitunter einen Kontakt ganz.

Was passiert in einer solchen Situation? Der Verstand weiß, was ehrlich und richtig wäre, doch die Reaktion fällt gegenteilig aus. Sie entsteht automatisch aus einer alten, im Körper gespeicherten Erfahrung. In diesem Moment kann, das automatisiert handelnde System des Menschen Vergangenheit und Gegenwart nicht voneinander unterscheiden.

Hat sich dieser Erwachsene beispielsweise als Kind gegen etwas oder jemanden aufgelehnt und wurde dafür wiederholt emotional oder körperlich bestraft, versucht seine Körperzellerinnerung, ihn vor weiterer Bestrafung zu schützen. Das menschliche System strebt nach Wohlgefühl und Sicherheit. So lernt das Kind, sich der Meinung der Eltern oder anderer anzupassen und den eigenen Willen zu unterdrücken.
Im Erwachsenenalter steht dieses Verhalten jedoch im Weg und führt immer wieder zu inneren und äußeren Konflikten. Dadurch kommt es zu einer fortlaufenden inneren Retraumatisierung, während die Entwicklung hin zu gesunder Autonomie blockiert bleibt. Der alte Konflikt besteht fort und findet keine Lösung.

Was geschieht dabei im Körper? Eine Situation, die unbewusst an ungelöste frühere Konflikte erinnert, löst im Nervensystem ein Warnsignal aus. Der Körper reagiert aus der damals gespeicherten Angst und Not: Der Atem stockt, der Mensch schwitzt, zittert oder erstarrt. Man kann diese Reaktion auch so beschreiben: Das innere Kind wird aktiviert, das sich früher – etwa gegenüber Vater oder Mutter – ängstlich, hilflos und überfordert fühlte. Bei manchen Menschen ist die Abspaltung vom Körper so stark, dass sie diese Reaktion weder spüren noch bewusst wahrnehmen.

In einer getriggerten Situation blockiert die Körperreaktion den Zugang zum Wissen des bewusst und logisch handelnden inneren Erwachsenen. Der Sympathikus erkennt Gefahr und übernimmt die Kontrolle. Stresshormone werden ausgeschüttet und beeinflussen das vegetative Nervensystem, etwa Herzschlag, Blutdruck, Atmung, Durchblutung und Schweißbildung. Der Parasympathikus wird stark heruntergefahren und setzt erst wieder ein, wenn die Situation oder Gefahr vorüber ist. Dann hilft er dem Körper, in den Normalzustand zurückzukehren und verbrauchte Energiereserven aufzufüllen.

Wiederholte Stresserfahrungen in der Vergangenheit oder Kindheit können die Balance zwischen Sympathikus und Parasympathikus dauerhaft stören. Die Folge kann chronischer Stress sein, weil der Körper ständig angespannt und alarmbereit bleibt. Langfristig kann dieser körperliche Stress psychische und körperliche Symptome sowie Erkrankungen begünstigen.

Wie wirkt die Körperpsychotherapie?

Erlebnisorientierte Interventionen können im Körper gespeicherte Erstarrungs-, Kampf- und Fluchtenergien lösen und ableiten. Dadurch können chronischer Stress, Erstarrung und traumatische Übererregung abgebaut werden.

Ziel ist eine dynamische vegetative Balance, in der das Nervensystem flexibel und situationsgerecht zwischen leistungsfähiger Aktivierung und erholsamer Regeneration wechseln kann. Das innere Sicherheitssystem – der ventrale Vagusast – wird gestärkt und das Nervensystem wird wieder in einen Zustand von Sicherheit und Regeneration geführt.

Aus diesem Zustand heraus wird es möglich, in Situationen, selbstbewusst und klar zu kommunizieren. Zu sagen, was man möchte und was man nicht möchte. 
veröffentlicht am 19.10.2026 · alle News-Meldungen anzeigen
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