Wo sind die anderen?
Ich stehe am Bahnhof und warte auf den Zug, schaue mich um und frage mich: Wo sind die anderen?Ich sitze im Zug, schaue mich um und frage mich: Wo sind die anderen?
Ich sitze im Restaurant, schaue mich um und frage mich: Wo sind die anderen?
Ich sitze im Wartezimmer eines Arztes und schaue mich um und frage mich: Wo sind die anderen?
Ich liege im Ruheraum eines Wellnesshotels, schaue mich um und frage mich: Wo sind die anderen?
Ich sitze mit einem Menschen im Café, schaue ihn an und frage mich: Wo bist du?
Ich sitze auf einer Parkbank und die Frau neben mir telefoniert lautstark und ich frage mich: Weiß sie, dass es auch andere gibt?
Manchmal frage ich mich: Bin ich gerade allein hier auf dieser Erde? Bin ich allein, wenn ich mein Handy in meiner Tasche lasse? Ja, ich könnte mich jetzt auch kontakten über mein Handy, verlockend ist es schon, doch versäume ich dann nicht:
Den Wind, der mir am Bahnhof über die Haare streicht, die Geräusche der an- und abfahrenden Züge, die Ansage aus dem Lautsprecher, das Wahrnehmen der anderen Menschen hier. Vielleicht auch einen kleinen Augenkontakt, ein Lächeln?
Im Zug meine kleine Sitzpause zu spüren und durchzuatmen. Die Entspannung wahrzunehmen. Aus dem Fenster zu schauen und mich an der Landschaft erfreuen. Vielleicht einen Augenkontakt mit dem Menschen gegenüber oder einen kleinen Plausch mit meinem Sitznachbarn. Ein freundliches Lächeln?
Im Restaurant das Treiben zu beobachten, die Düfte des Essens wahrzunehmen, sich bewusst zu entspannen und die Vorfreude des Genießens zu spüren. Bewusst zu essen. Jeden Bissen davon, sowie den Geschmack und die Konsistenz wahrzunehmen. Der Bedienung zu danken und ihr vielleicht auch zuzulächeln.
Im Wartezimmer zu entspannen, kurz mal die Augen zu schließen, den Körper spüren, bewusst zu atmen oder auch zu schauen, wer ist da alles mit mir da? Vielleicht ein kleiner Augenkontakt, eine kleine Begegnung oder auch ein kurzer Plausch.
Im Ruheraum meine Augen zu schließen. Die Stille bewusst wahrnehmen. Meinen Körper und meinen Atem spüren. Entspannen. Das Loslassen genießen. Vielleicht ein kleines Nickerchen.
Im Café in präsentem Kontakt mit meinem Gegenüber zu sein. Zwei Menschen, die sich begegnen. Sich in die Augen schauen. Sich austauschen und sich dabei auch im Hier und Jetzt wahrnehmen.
Auf einer Parkbank sitzen und die Wärme der Sonne im Gesicht spüren, auf das leise Rascheln des Laubes der Bäume lauschen, das Lachen der Kinder hören und ihnen beim Spielen zuschauen. Wahrnehmen, wer da alles an mir vorüberzieht. Und spüren, dass ein anderer Mensch neben mir sitzt, auch wenn ich ihn nicht kenne, teile ich gerade diesen Moment mit ihm.
Meine Großmutter lehrte mich einfach nur zu Sein und wahrzunehmen. Jeden Nachmittag saß sie entspannt auf ihrem Balkon und schaute. Schaute, was da draußen auf der Wiese passierte. Wer da vorbeiging, beobachtete die Kinder, die spielten, die Bäume, das Wetter oder auch das Nichts, das gerade geschah.
Zu Ehren meiner wertgeschätzten Großmutter und auch zu Ehren mir selbst gegenüber werde ich mich stets disziplinieren, dieses wertvolle Erbe am Leben zu erhalten.
Und werde mein Handy, so oft es geht, in der Tasche lassen.
veröffentlicht am 19.01.2026 · alle News-Meldungen anzeigen
